Rauhnacht

Der Schnee unter ihren Füßen knirschte mit jedem Schritt, den sie in die vom Mond schwach erleuchtete Nacht tätigte. Es war das einzige Geräusch, das die fortwährende Stille durchschnitt. Sie fröstelte und zog ihren Mantel mit der freien Hand weiter zu. In der anderen hielt sie die kleine Laterne, die sie vom Fensterbrett der Küche genommen hatte, als sie sich aus dem Haus geschlichen hatte. Jedes Knarzen der Dielen oder Türen hatte sie erschrocken innehalten lassen. Doch ihre Eltern und Brüder waren nicht aufgewacht, nicht einmal, als sie versehentlich eine der großen metallenen Milchkannen neben der Haustür umgeworfen hatte.

Ihr Herz klopfte in einem unaufhörlich schneller werdenden Takt, während ihre Schritte sich ebenfalls beschleunigten. Sie hatte nicht mehr viel Zeit, um die Wegkreuzung am Waldrand zu erreichen, von der ihre Freundinnen ihr erzählt hatten.

„Ich schwöre, ich habe ihn dort an mir vorbeigehen sehen!“, hallten die Worte von Maëlle in ihrem Kopf wider. „Für einen Moment konnte ich ganz klar sein Gesicht sehen.“

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Limbus

Es war ein kalter, regnerischer Donnerstag im Oktober, als Hanna das letzte Mal gesehen wurde.

Sie trug dunkle Jeans und eine altrosafarbene Chiffonbluse, darüber den langen schwarzen Herbstmantel, den Valerie mit ihr zusammen ausgesucht und ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie hatten eine kleine Bar am Stadtrand besucht, um auf die vergangenen und die kommenden siebenundzwanzig Jahre anzustoßen. Nach dem Verlassen der Bar hatte Valerie sie umarmt und ihr einen Abschiedskuss auf die Wange gehaucht, bevor sie beide ihrer Wege gegangen waren. Hätte sie auch nur geahnt, dass es das letzte Mal sein würde, dass sie ihre Freundin umarmte, hätte sie sie länger festgehalten.

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